Jahresbericht der Projektgruppe Messelager im
Verein EL-DE-Haus für 2025
„Die Projektgruppe Messelager ist die älteste und wohl auch bekannteste Arbeitsgruppe des Vereins EL-DE-Haus. Ihre Ursprünge reichen bis in die Vereinsvorgeschichte zurück. Mehrere zunächst unabhängig voneinander arbeitende Aktivisten stießen in den 1980er-Jahren auf das Thema der NS-Zwangsarbeit. (….) Auch andere Mitglieder aus der „Initiative für ein Dokumentationszentrum im EL-DE-Haus“ begannen, sich mit der Zwangsarbeit in Köln zu befassen – ein Thema, das ihrer Meinung nach einen besonderen Platz in der geforderten Dauerausstellung im ehemaligen Gestapogebäude einnehmen sollte. Sie bildeten im Sommer 1983 mit anderen Interessierten die ‚Initiative Zwangsarbeit in Köln 1939 – 1945‘, um Material zusammenzutragen.“ (…) Vor dem Hintergrund, dass es weder Forschung dazu (zum Messelager) gab noch Archivalien vorhanden waren, schlossen sich im Frühjahr 1988 Mitglieder der Initiative Zwangsarbeit (Christian Welke), des gerade gegründeten Vereins EL-DE-Haus (Peter Liebermann), der Volkshochschule (Reiner Hammelrath) und des alternativen KölnArchivs (Martin Stankowski) als ‚Projektgruppe Messelager‘ zusammen. (…) Schließlich reisten auf Einladung der Projektgruppe und mit finanzieller Unterstützung der Stadt Köln vom 16. bis zum 24. Mai 1989 neunzehn ehemalige KZ-Häftlinge bzw. Zwangsarbeiter aus Polen, der Sowjetunion, Frankreich und Belgien sowie drei ehemalige Gefangene des Gestapolagers in der Messe aus Deutschland an.“
Das war der Beginn des über Jahre fortgeführten Besuchsprogramms für ehemalige Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, auf das sich der nachstehende Bericht bezieht.
(Quelle: Empathie & Engagement. Drei Jahrzehnte Kölner Zeitgeschichte: Verein EL-DE-Haus. Förderverein des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln, hrsg. von Hajo Leib 2017; aus dem Beitrag von Karola Fings: Von der Konfrontation zu Aufklärung und Entschädigung: Die Projektgruppe Messelager und die Aufarbeitung der NS-Zwangsarbeit.)
Unsere Projektgruppe arbeitet weiterhin an den Dingen, die sich aus 25 Jahren (1989 – 2014) Besuchsprogramm ehemaliger NS-Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ergeben. Kurz gesagt: wir pflegen die Kontakte zu ehemaligen Gästen und deren Angehörigen, stellen Informationen über Zwangsarbeit in Köln bereit und leisten Erinnerungsarbeit.
Christian Welke, Mitgründer und langjähriger Mitarbeiter unserer Projektgruppe, starb im Januar 2025. Viele ehemalige Mitglieder unserer Gruppe haben ihre Wertschätzung für Christians Arbeit und für seine Person in einer Traueranzeige und durch ihre Anwesenheit bei der Beerdigung auf Melaten deutlich gemacht.
Mit unserem Wissen aus den Interviews mit unseren Gästen im Besuchsprogramm konnten wir die Arbeit der Initiative zum Erhalt des Bodendenkmals im Gremberger Wäldchen unterstützen. Zum 80sten Jahrestag der Zerstörung des Krankenlagers dort, bei der viele erkrankte Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen im April 1945 ermordet wurden, konnten wir mit unseren Zeitzeugen-Interviews dazu beitragen, ein realistisches Hintergrundwissen für die Veranstaltungen zu liefern, die zwischen dem 8. und dem 12. April vor Ort und im NS-DOK stattfanden.
Bei der Podiumsdiskussion zum Gremberger Wäldchen im NS-DOK am 10. April wurden wir auf ein Ereignis aufmerksam, das uns bis dahin nicht bekannt war. Das Gedicht ‚Kölner Grube‘ von Boris Slutsky, das offenbar in Ländern des ehemaligen ‚Ostblocks‘ vielen Menschen bekannt ist, wurde von dem Besucher der Veranstaltung, Dr. Jakob Mezheritsky, angesprochen. Es gibt einen Bezug zu Köln und zur Lage von NS-Zwangsarbeitern. Uns war das Gedicht nicht bekannt und wir konnten keinen klaren Bezug zu einem bestimmten Ort herstellen. Spontan fielen uns ‚Rheinbraun‘ und die Morde in der Kiesgrube in Ossendorf ein. Bisher konnten wir aber noch nichts wirklich klären. – Wir bleiben dran.
In Kooperation mit dem Leverkusener Projekt ‚Zukunft braucht Erinnerung‘, das u.a. getragen wird von der Finkelsteinstiftung, der VHS und der Caritas Leverkusen sowie der Bayer A.G., hat die Projektgruppe eine Führung auf dem Kölner Messegelände angeboten. Die gut besuchte Führung fand am 10. Mai 2025 statt. Die Besucher und Besucherinnen waren überrascht, dass mitten in Köln so viele Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen und Kriegsgefangene inhaftiert waren. Dass der heutige Tanzbrunnen ein KZ-ähnliches ‚Arbeitserziehungslager‘ war und dass in und vor dem Messegebäude an der Rheinfront ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald war, für Kölnerinnen und Kölner deutlich sichtbar, war für fast alle Besucher und Besucherinnen neu und fast unglaublich. Diese Erfahrung spricht dafür, mehr an Erinnerungsarbeit zum Ort der Messe zu machen. Diesbezüglich sind wir auch im Gespräch mit der Leitung des NS-Dok.
Gerard van der Lee, einer unserer Gäste ist verstorben, wie wir 2025 erfahren haben. Er war als 17jähriger in der Rotterdamer Razzia zur Zwangsarbeit gezwungen worden, hatte sich im Frühjahr ’45 in der Südstadt im Keller der Stollwerck Gebäude versteckt. Er hatte sein Leben nur mit Hilfe Kölner Bürger aus der Südstadt retten können und er hatte deshalb 2016 aus Dankbarkeit am Bürgerhaus Stollwerck mit unserer Unterstützung eine Plakette anbringen lassen. Das war ihm wichtig. Wir trauern um ihn. Bei der Abschlussveranstaltung zum Besuchsprogramm 2014 und bei der Planung seiner Plakette war er sehr aktiv beteiligt. Seine ganze Familie war mit ihm angereist, um die Plakette der Öffentlichkeit in Köln zu präsentieren. Die Plakette befindet sich an der Westseite des Bürgerhauses Stollwerck neben dem Eingang.
Nach wie vor betreuen wir die Familie von Halyna Slieptsova. Sie wurde 1945 als Kind einer Zwangsarbeiterin in Köln geboren, war 2013 Gast in unserem Besuchsprogramm und hat 2022 in der Ost-Ukraine Hab und Gut verloren, konnte aber ihre Familie retten. Unser Angebot zur Hilfe hat sie damals mit der Bitte an unsere Oberbürgermeisterin beantwortet, ihre Familie in der Stadt ihrer Geburt aufzunehmen. Das haben wir unterstützt und die OB hat der Familie tatsächlich eine Wohnung zur Verfügung gestellt. Das hat uns sehr gefreut! Und auch Frau Slieptsovas Familie, sieben Personen sind glücklich, dass sie in Köln aufgenommen wurden. Wir betreuen die Familie im Umgang mit unseren Behörden, mit unserem Bildungssystem, mit unserer Justiz und mit unserem Gesundheitssystem. Das ist auch für uns oft aufschlussreich.
Kartendenkmal zur NS-Zwangsarbeit:
Im Zusammenhang mit dem Zwischennutzungsmietvertrag von Zwischendrin e.V. Köln für die ehemaligen Verwaltungsgebäude von KHD an der Deutz-Mülheimer Straße bekommt das Karten-Denk-Mal zur NS-Zwangsarbeit ab 2026 Raum für eine Ausstellung.
Entstanden und weiterentwickelt wurde dieses Karten-Denk-Mal zur NS-Zwangsarbeit mit Schülerinnen und Schülern der Willy-Brandt-Gesamtschule (WBG) im Rahmen friedenspädagogischer Schulprojekte sowie im Rahmen des Besuchsprogramms der Stadt Köln für ehemalige Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge.
Die Ausstellungsräume im ehemaligen Verwaltungsgebäude von KHD auf der Deutz Mülheimer Straße sind Teil des Gebäudes, für das sich verschiedene in Köln-Mülheim aktive Initiativen zum Verein Zwischendrin e.V. zusammengeschlossen haben. Sie setzen sich für den Erhalt des Otto-Langen-Quartiers und die Zwischennutzung des denkmalgeschützten Gebäudes ein und haben inzwischen mit der Stadt Köln einen Mietvertrag über 10 Jahre abgeschlossen.
Um im Rahmen unserer Friedenspädagogik zu weiteren Projekten zum Thema ‚Kriegsbeute Arbeitskraft‘ anzuregen, hat Wiltrud Marciniak 2024 Kontakt zum Verein Zwischendrin e. V. hergestellt und sich bereit erklärt, zunächst den Mietanteil für den Raum, der für das Ausstellen dieses Karten-Denk-Mals, also der 8 Ausstellungstafeln und der Litfaßsäule, nötig ist, persönlich zu übernehmen. Wiltrud Marciniak ist langjährige Mitarbeiterin der Projektgruppe Messelager im Förderverein des NS-DOK, war 25 Jahre lang Lehrerin an der WBG und ist auch als Lehrerin im Unruhestand / „Pensionista“ im Kontakt mit der WBG geblieben.
In den Ausstellungsräumen für das Karten-Denk-Mal im ehemaligen Verwaltungsgebäude von KHD an der Deutz Mülheimer Straße gibt es demnächst das Angebot zu Führungen an einem Ort, an dem zwischen 1939 und 1945 sehr viele Menschen zur Arbeit für die NS-Kriegswirtschaft gezwungen wurden. Die Bilder, Karten und Texte der bisherigen Ausstellung basieren auf Erfahrungen von Schülern und Schülerinnen der WBG, die Zeitzeugen, Gäste des Besuchsprogramms der Stadt Köln für ehemalige Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge bei persönlichen Treffen kennen gelernt haben.
Soweit die Bilanz unserer Arbeit im Jahr 2025.
Hans-Georg Wehner (für die Projektgruppe Messelager)
3. Februar 2026
Boris Slutsky
Kölner Grube
Wir waren siebzigtausend Gefangene
in einer großen Schlucht mit steilen Kanten.
Wir liegen
still und kühn, wir
sterben vor Hunger
in der Kölner Grube.
Oberhalb des Randes der Schlucht wird der Platz zertrampelt –
er fällt schief bis an den äußersten Rand ab.
Einmal am Tag
wird ein Pferd auf
den Platz gebracht,
ein lebendes
Pferd von der Klippe gestoßen.
Während es in die Grube fällt, während
wir es in ungleiche Anteile teilen, während
wir das Pferdefleisch mit unseren Zähnen zermahlen,-
O Kölner Bürger,
laßt es euch zu schämen!
O Kölner, wie kommt das?
Du, nüchtern, ehrlich, wo warst du, als
wir, grüner als ein Kupfernickel,
in der Kölner Grube
vor Hunger heulten?
Wir sammelten unsere letzten Kräfte und
kratzten die Inschrift an der steilen Wand aus, eine
kurze Inschrift über unserem Grab –
Brief an einen Soldaten des Sowjetlandes.
„Genosse Kämpfer, halt über uns, über
uns, über uns, über die weißen Knochen.
Wir waren siebzigtausend Gefangene, wir
fielen in der Kölner Grube für unsere Heimat!“
Als sie uns als Schurken rekrutieren wollten, als
sie uns über Brot aus der Schlucht schrien, als
Grammophone über Frauen sangen,
flüsterten die Parteimitglieder: „Kein Schritt, kein Schritt… “
Lies die Inschrift über unserem Grab!
Mögen wir des posthumen Ruhmes würdig sein!
Und wenn es jemand nicht mehr aushält,
erlaubt das Parteikomitee den Schwachen den Selbstmord.
O ihr, die ihr unsere lebendigen Seelen seid,
die ihr für Suppe und Haferbrei kaufen wolltet, seht,
wie unsere Kameraden ihr Leben beenden,
indem sie das Fleisch aus eurer Handfläche nehmen!
Wir graben den Boden,
wir kratzen mit den Nägeln, wir
stöhnen mit einem Stöhnen
in der Kölner Grube, aber
alles bleibt – wie es war, wie es war! –
Haferbrei ist mit dir, und Seelen sind mit uns.
