Förderverein des NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln

Dokumentation

Gedenkveranstaltung anlässlich des Pogroms in Sivas am 2. Juli 1993

Am Samstag, dem 2. Juli 2022 fand auf dem Neumarkt in Köln von 16:00 – 18:00 Uhr eine Gedenkveranstaltung der Alevitischen Gemeinde NRW K.d.ö.R. und der Alevitischen Gemeinde Köln e.V. statt. An diesem Tag im Juli jährte sich das Massaker von Sivas zum 29. Mal. Ein islamistischer Mob von tausenden aufgebrachter Männer hatte damals die Teilnehmenden eines Kulturfestivals in Sivas, die sich in ihrem Hotel verschanzt hatten, mit Brandsätzen angegriffen und das Hotel in Brand gesteckt. Die Menschen im Hotel konnten nicht fliehen, da der Mob sie draußen gelyncht hätte. Einigen wenigen ist die Flucht in ein benachbartes Gebäude gelungen. Nach acht Stunden vergeblichem Warten auf Hilfe starben 33 Menschen, der jüngste 12 Jahre alt, qualvoll durch Ersticken oder Verbrennen. Auch zwei Hotelangestellte und zwei Angreifer kamen ums Leben.

Gedenken an die Ermordeten                                                      Foto: (c) Selahattin Sevi

Die Forderung der alevitischen Organisationen, aus dem Gebäude des ehemaligen Hotels ein Museum des Gedenkens (Gedenkstätte) zu machen, wird von der Erdogan-Regierung abgelehnt. Die am Jahrestag des Massakers in Sivas und Ankara alljährlich stattfindenden Gedenk- und Protestveranstaltungen der Opferangehörigen und der alevitischen Organisationen werden von Störungen, Behinderungen und Provokationen begleitet, immer in einer sehr angespannten Atmosphäre.

Ansprache Berivan Aymaz Foto: (c) Selahattin Sevi

Die Gedenkveranstaltung auf dem Neumarkt fand mit ca. 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmern statt. Sie wurde von dem Vorstandsmitglied des Vereins EL-DE-Haus Çiler Firtina moderiert, die einen Angehörigen bei dem Pogrom verloren hat. Einen Redebeitrag zur Veranstaltung hielt die Vizepräsidentin des NRW-Landtags, Berivan Aymaz. Als Sprecherin war ebenfalls die Co-Vorsitzende des Vereins EL-DE-Haus, Claudia Wörmann-Adam, eingeladen. In ihrer Ansprache nahm sie Bezug auf die massiven rassistischen Anschläge die elf Monate vor dem Pogrom in Sivas im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen in Mecklenburg-Vorpommern stattgefunden hatten: „An den Ausschreitungen beteiligten sich mehrere hundert teilweise rechtsextreme Randalierer und bis zu 3000 applaudierende Zuschauer, die den Einsatz von Polizei und Feuerwehr behinderten. Das Ganze zog sich quälend lange vier Tage hin. Die Polizei war nie Herr der Lage. Politiker und Politikerinnen versagten auf ganzer Linie. Die Opfer der Angriffe erhielten keinen Schutz, keine Entschuldigung, keine Entschädigung; im Gegenteil: sie wurden in ihre Heimatländer abgeschoben und das Asylrecht wurde verschärft.“

Claudia Wörmann-Adam bei ihrer Ansprache  Foto: CF

Von dem Brandanschlag in Sivas gibt es ein Video, gedreht von der örtlichen Polizei die nicht eingriff, sondern zusah. Von den Anführern des Anschlags wurde kaum einer gefasst, die wenigen Täter, die vor Gericht gestellt wurden, zeigten keine Reue. Das Verbrechen wurde weder juristisch noch politisch jemals aufgearbeitet.

Wörmann-Adam stellte fest: „Es gibt Parallelen zwischen Sivas und Rostock Lichtenhagen. In Sivas wie in Rostock-Lichtenhagen kämpften von religiösen und/oder politischen Fanatikern aufgehetzte Menschen gegen die vermeintlich Fremden, gegen Toleranz und Humanität.”  Ihr Fazit: „Wir stehen heute hier, um mit der alevitischen Gemeinde ihrer Toten zu gedenken; wir stehen hier, um die Bestrafung der Täter zu fordern, die teilweise offen in Deutschland leben und von den deutschen Behörden nicht festgenommen werden; wir sind heute hier, um die alevitische Gemeinde bei ihrem Kampf um einen Gedenkort für das Massaker von Sivas zu unterstützen, der an dem Ort entstehen soll, wo das Verbrechen stattfand: im Madimak-Hotel.“

Die Rede von Claudia Wörmann-Adam kann hier  geladen werden.


Eine Sonderführung für Mitglieder des Vereins EL-DE-Haus zu der Veranstaltung

Klänge des Lebens ist auf sehr positives Interesse gestoßen.

Krystiane Vajda und Markus Reinhardt, die die Ausstellung in dem vor dem EL-DE-Haus platzierten  Wagen  gemeinsam kuratiert haben, erzählten vom Leben der Vorfahren und dem Schicksal, dass die aus Köln deportierten Sinti und Roma in der Nazizeit aber auch danach ereilt hat. In verschiedenen Gesprächsinterwievs, die beide aufgezeichnet hatten, berichteten Überlebende von ihrem Schicksal.

Krystiane und Markus informieren im “Zigeunerwagen”    Foto: HB

Für das kommende Jahr ist eine Reise mit dem Wagen von Auschwitz nach Köln geplant. Nicht als Anklage möchte Markus Reinhardt das mehr als tausend Kilometer lange Tourprojekt verstanden wissen, sondern als Angebot zur Versöhnung. Für dieses bereits geplante Objekt sind noch Spenden erwünscht. Sie können auf das Konto des Vereins

Spendenkonto:
Raiffeisenbank Frechen-Hürth
IBAN: DE91370623654421635019
BIC: NODED1FHH

eingezahlt werden.

Der Wagen mit der Ausstellung vor dem EL-DE-Haus. Foto: HB

 

 

Weitere Informationen zu dem Projekt des Marodom e.V. gibt es hier. Auf der Homepage finden sich auch unter dem link “Zigeunerwagen- TV” weitere Zeugenberichte.

 


Sonntag, 19. Juni 2022 um 17:00 Uhr

Exkursion: Marienprozession mit Lesung und Musik

Startpunkt der Prozession ist St. Maria in der Kupfergasse mit einer Andacht von Pfarrer Jan Opiela (katholische Seelsorge für Rom*nja, Sinte*zze und verwandte Gruppen). Anschließend führt die Prozession zum Hof des EL-DE-Hauses, wo junge Sinte*zze aus Briefen von Deportierten lesen. Der Abschluss wird beim Oberlichtwagen vor dem EL-DE-Haus mit musikalischer Begleitung von Markus Reinhardt und Janko Wiegand stattfinden.

Ein Begleitprogramm zur Sonderausstellung „Klänge des Lebens Geschichten von Sinti*zze und Rom*nja“

Für: Erwachsene | Von: NS-Dokumentationszentrum | Treffpunkt: St. Maria in der Kupfergasse | Teilnahme: kostenlos


Sonntag 19. Juni 22 ab 14:30 Uhr

Edelweißpiratenfestival im Friedenspark!
Nach zwei Jahren Pandemie-Pause freuen wir uns sehr, mit Euch wieder die Antihitlerjugend im Friedenspark feiern zu können! Es wird fünf Bühnen bzw. Parkwinkel geben, wo tolle, sehr unterschiedliche Bands den Edelweißpiraten und verwandten Jugendgruppen ihren Tribut zollen werden. Dabei wird jede Band ein Edelweißpiratenlied interpretieren. Das großartig Line Up 2022 seht ihr auf unserem druckfrischen Plakat.
Neben der unangepassten Musik gibt es wieder ein Generationen-Café zum Informationsaustausch und die historische Wanderausstellung des NS-Doku-mentationszentrum »Von Navajos und Edelweißpiraten – Unangepasstes Jugendverhalten in Köln 1933 – 1945« in den Baui-Saal. Im Vorhof und im Rosengarten gibt es zudem Info- und Gastro-Stände, deren Erlös das Festival finanzieren hilft!

Ort: Oberländer Wall – Titusstraße (Südstadt)

Mehr Infos unter: www.edelweisspiratenfestival.de

Ein Bericht zu der Veranstaltung findet sich unter der Rubrik Medienecho.


Donnerstag, 16. Juni 2022 um 17:00 Uhr

Gespräch: Requiem für Auschwitz // Schattenkinder

 

Roger Moreno-Rathgeb (*1956 in Zürich) wusste bis zu seinem 15. Lebensjahr nichts von seiner Identität als Sinto. Nach einem ihn tief bewegenden Besuch in Auschwitz-Birkenau machte er es sich zur Lebensaufgabe, allen Ermordeten zu gedenken und ihnen ein Requiem zu widmen. Das „Requiem für Auschwitz“ wurde 2009 fertiggestellt und wird seitdem von den „Roma und Sinti Philharmonikern“ europaweit aufgeführt.
Bluma (Maria) Meinhardt (*1961 in Wuppertal) begann im Alter von zwölf Jahren, die traumatischen Verfolgungsgeschichten ihrer Familie aufzuschreiben. Inzwischen hat sie mehrere Gedicht- und Prosabände veröffentlicht.
Roger Moreno und Bluma Meinhardt werden ihre Werke im Gespräch mit Krystiane Vajda vorstellen.

Da die Platzanzahl begrenzt ist, empfehlen wir Ihnen eine Anmeldung unter nsdok@stadt-koeln.de

Ein Begleitprogramm zur Sonderausstellung „Klänge des Lebens. Geschichten von Sinti*zze und Rom*nja“

Für: Erwachsene | Von: NS-Dokumentationszentrum | Preis: € 4,50 | ermäßigt: € 2,00


So. 12. Jun. 2022, 17:00 Uhr

Menni Schwarz im Gespräch mit Krystiane Vajda

Markus Reinhardt, Menni Schwarz und Krystiane Vajda

 

„Wir haben alle vergeben, aber wir vergessen nicht, was passiert ist. Aber wir haben alle vergeben.“ Christel „Menni“ Schwarz

Christel „Menni“ Schwarz (*1948), Überlebender und Aktivist, wird über sein Engagement für die Erinnerung an die Verbrechen an Sinti*zze und Rom*nja mit Krystiane Vajda sprechen. Seine eigene Familie wurde in verschiedene Konzentrations- und Vernichtungslager verschleppt – viele haben nicht überlebt. Schwarz war Initiator des ersten Sinti-Mahnmals in Deutschland, welches 1989 in Gedenken an die 74 deportierten und anschließend ermordeten Sinti*zze der Stadt Oldenburg errichtet wurde.

Mit einer Präsentation des Films „Auf Spurensuche der Sinti und Roma“ und Musik von Janko Wiegand und Markus Reinhardt.

Da die Platzanzahl begrenzt ist, empfehlen wir Ihnen eine Anmeldung unter nsdok@stadt-koeln.de

Ein Begleitprogramm zur Sonderausstellung „Klänge des Lebens. Geschichten von Sinti*zze und Rom*nja“

Für: Erwachsene | Von: NS-Dokumentationszentrum | Preis: € 4,50 | ermäßigt: € 2,00


Klänge des Lebens. Geschichten von Sinte*zze und Rom*nja. Eine Ge-Denk-Station

9. Juni bis 26. Juni 2022

Eine Ausstellung des Maro Drom – Kölner Sinte und Freunde e.V. in Kooperation mit dem NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln

Die open-Air Ausstellung vor dem Eingang des NS-Dokumentationszentrums lässt Menschen zu Wort kommen, die als Sinte*Sintezza, als Rom*Romnja im Nationalsozialismus verfolgt wurden und den Völkermord überlebt haben. Angehörige der zweiten Generation berichten, welche Spuren dieses Menschheitsverbrechen bei ihnen selbst und innerhalb ihrer Familie hinterlassen hat. Die Präsentation ist in einem Oberlichtwagen (Baujahr 1958) installiert, der für die Sinte*zze des Maro Drom – Kölner Sinte und Freunde e.V. ein Sinnbild für eine verschwundene Welt, eine Erinnerung an ihre Vorfahren sowie ein Ort der Selbstverständigung und der Begegnung ist.

Sonderführung für Vereinsmitglieder „Klänge des Lebens“

Liebe Mitglieder,
wir bieten eine exklusive Führung nur für unsere Mitglieder des Vereins EL-DE-Haus in der aktuellen Ausstellung „Klänge des Lebens“ an:
Donnerstag, 23. Juni um 19 Uhr.
Krystiane Vajda hat die Ausstellung kuratiert und wird durch den Wagen führen.

Wir bitten um schriftliche Anmeldung an die E-Mail-Adresse: EL-DE-Haus@web.de.

Weitere Informationen können hier geladen werden.

Zur Realsierung der Ausstellung hat der Verein EL-DE-Haus mit Spenden beigetragen.

Berichte zur Eröffnungsveranstaltung finden sich im Kölner Stadtanzeiger und in der Kölnischen Rundschau vom 10.6.2022.


Am kommenden Dienstag, dem 24. Mai, wird im NS-Dok  die neue Sonderausstellung “Theo Beckers. Ein junger Nationalsozialist fotografiert Köln” eröffnet:

Mit der Kamera in der Hand zieht der junge Theo Beckers in den 1930er Jahren durch Köln: Er fotografiert Familienfeiern, Ausflüge, HJ-Fahrten, die Haustiere, sein Zimmer, Karnevalsumzüge, Kirchenfeste, politische Aufmärsche, Freund*innen und Bekannte. Allein in den ersten Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft macht er mehrere tausend Aufnahmen, die Einblick in die Bildwelt eines jungen Amateurfotografen und lokalen HJ-Funktionärs geben.

Die Ausstellung lädt zum Hinschauen, Entdecken und Nachdenken ein: Wie sah Theo Beckers seinen Alltag und die Stadt, in der er lebte? Zu welchem Bild von ihm und seinem Leben setzen sich die Aufnahmen zusammen? Prägte sein Engagement für den Nationalsozialismus auch seine Fotografien? Wie passen sie zu den Vorstellungen, die wir uns vom Leben in der NS-Diktatur machen?


Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2022

Die Kölner Gesundheitspolitik im Nationalsozialismus

Ein schöner Kirchenraum, offen und licht mit guter Akustik, ein angenehmer Ort, um inne zu halten und zuzuhören. – Die Kunststation St. Peter war dieses Jahr Ort der Gedenkstunde am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, da die Antoniterkirche renoviert wird. – Alle Plätze sind besetzt, einige müssen sogar zurückgewiesen werden. Begrüßt werden die Anwesenden von Pater Stephan Kessler und Oberbürgermeisterin Henriette Reker spricht das Grußwort.

Die Vorbereitungsgruppe (Ulrike Bach, Irene Franken, Beate Gröschel, Klaus Stein, Lisa Willnecker) hat auf eine bewährte Struktur gesetzt: Es wechseln sich von Schauspieler*innen (Maria Amman, Petra Kalkutschke, Markus Andreas Klauk) gesprochene Textpassagen mit Musik und Gesang ab, eine Leinwand zeigt Fotos und Bilder zu den Texten und den Personen, um die es geht. In den Texten geht es um das Kölner Gesundheitsamt, die Situation der Zwangsarbeiter*innen, die jüdische Kinderärztin Erna Rüppel und die Aufarbeitung nach 1945.

Der anschließende Mahngang führt zum Gesundheitsamt, wo Dr. Fritz Bilz im lärmenden Verkehr den Text von Thomas Deres vorträgt, der coronabedingt nicht teilnehmen kann. Wie war das mit dem Kölner Gesundheitsamt? Schon 1905 wurde in Köln die Stelle eines Ärztlichen Beigeordneten und damit eines Gesundheitsamtes eingerichtet. Die Stelle wurde mit Dr. Peter Krautwig besetzt, unter dessen Leitung das Amt in der Weimarer Republik als beste kommunale Einrichtung in Europa ausgezeichnet wurde! – Aber nach seinem Tod 1926 wurde Dr. Carl Coerper sein Nachfolger, ein Vertreter der Eugenik, d.h. er verfolgte die Ziele, günstig bewertete Erbanlagen zu vermehren und ungünstig bewertete zu vermeiden, so wurde umgehend eine eugenische Eheberatungsstelle eingerichtet, denn nach ihm hatte die kommunale Gesundheitsfürsorge namentlich auch qualitative Bevölkerungspolitik zu treiben und die Erkenntnisse und Erfahrungen der Rassenhygiene und Eugenik auszunutzen. Er ist dann auch einer von zwei Dezernenten, die 1933 nicht entlassen werden, tritt am 1. Mai 1933 in die NSDAP ein, übernimmt hohe Parteifunktionen in Sachen Gesundheit im Gau Köln-Aachen und setzt als Hardliner die Gesetze des NS-Staates bezüglich Erb- und Rassenpflege rigoros um: Wer nicht der NS-Ideologie folgt, verliert seine Stellung als Arzt, Frauen verlieren leitende Positionen, jüdische Ärzte*innen dürfen nicht mehr praktizieren, jüdische Kranke nur noch im Israelitischen Asyl behandelt werden, Sinti*zze und Rom*nja werden nicht mehr behandelt. 3.800 Zwangssterilisierungen an Kölner*innen sind im Stadtarchiv dokumentiert. Dem euphemistisch «Gnadentod» genannten Mord durch Gas, Medikamente oder Hungerfallen nach 1939 in Deutschland 300.000 Menschen zum Opfer.

Ab 1942 werden da auch alte Menschen diskriminiert und Carl Coerpers verfügt in einem Rundschreiben an alle Krankenhäuser: Der dringende Bedarf an Krankenhausbetten schließt im totalen Krieg deren Verwendung im Sinne der Siechen- oder Altersheime aus. Er lässt auch die Aufnahme hoffnungslos Kranker für ihren letzten Lebenstag im Allgemeinen nicht zu. 1945 wird Coerper zunächst aus allen Ämtern in der Stadt und als Lehrbeauftragter an der Universität Köln entlassen, aber schon 1952 unterrichtet er wieder als Dozent das Fach «Sozialhygiene», ist an diversen Klinikgründungen beteiligt und arbeitet weiterhin eng mit Wissenschaftlern der NS-Rasseforschung zusammen.